Wiborada – Der Text entsteht
On Februar 7, 2025 by matmoniDann aber las ich die Legende und je mehr ich las, desto mehr bereute ich meine Zusage.

Eine Stickerei muss über den Ozean
Gerade hat Teresa die Stickerei in Lima zur Post gebracht. Da macht sich mein Herz mit heftigem Klopfen auch physisch bemerkbar. Wenn bloss alles gutgeht auf dem Weg übers Meer!
Um mich abzulenken und um Einblick zu geben in die Arbeit an diesem meinen aktuellen Herzensprojekt starte ich ein Produktionstagebuch.
Die Anfänge
Als mich die Anfrage von wiborada.sg erreichte, ob ich eine Erzählung erarbeiten würde zur St.Galler Stadtheiligen, sagte ich ohne zu Zögern zu. Es war noch weit hin bis zum geforderten Abgabezeitpunkt 2025 und so verstrichen einige Wochen, bis ich mich Anfang 2024 ein erstes Mal mit Wiborada beschäftigte. Dann aber las ich die Legende und je mehr ich las, desto mehr bereute ich meine Zusage. Wie um Himmels Willen aus diesem „frommen Gesülze“ eine brauchbare Erzählung machen?!? Aber zum Absagen wars zu spät. So habe ich gemacht, was ich bei Bibelerzählungen auch immer mache, wenn sich mir ein Text versperrt: Ich habe mich mit vielen Kilo Büchern übers Mittelalter eingedeckt und mich der Legende quasi von hinten her genähert. Das frühe Mittelalter – spätes 9. und frühers 10. Jahrhundert – eine Zeit, die mir bisher nur in der Kirchengeschichte und dem Stichwort „vatikanische Pornokratie“ begegnet ist. Spannend, mich in das Lebensgefühl der schweizerischen Oberschicht in jener Zeit einzudenken.
immer wider träumtsi vomene riesiggrosse Fenchelbom, mit Wurzle wo so tüf abe wagsed, dass ufde andere Site vo de Ärdeschiibe schier wieder usechömed. En Fenchelchnolle, tüüf im Bode – und glich am hälle Liecht. Mit luter Stengel höch bis in Himmel ufe. En Fenchel wo en Some isch ond glich scho wagst, en Fenchel wo blüet ond glich scho riif isch. En Fenchel wo ase fein schmöckt, dass d Wiborada im Schlof selig lächled.

Aus der Legende selbst ist nach dem ersten Lesen nur ein einziges Bild hängen geblieben: Die Fenchelstaude. Wiboradas Bruder Hitto pflanzt sie auf ihrem Grab und die Staude wächst den ganzen Winter über. Fenchel. Das wird mein Leitmotiv. Weiss ich, lange bevor ich weiss, wohin das führt. Und ich weiss auch, dass ich das Fenchelmotiv bildlich aufnehmen will. Und so gebe ich der Stickkünstlerin Teresa Serpa aus Lima einen vielleicht einen etwas seltsamen Auftrag: Besticke mir einen Schal, mit einem Fenchel, der in allen Wachstumsstadien zu sehen ist. Was für ein Glück, dass Teresa sogleich Feuer fängt. Sie deckt sich mit sämtlicher auf Spanisch erhältlichen Wiborada-Literatur ein und stickt und stickt und stickt. Und heute, am 7.2.25, hat sich die kostbare Fracht auf den Weg in die Schweiz gemacht.

und eine erste Spur
Im zweiten Absatz der Legende heisst es: „… unterdrückte sie mit bescheidener Bedachtheit alle Verlockungen übermütiger Ausschweifung, alle Leichtfertigkeit des Kindesalters und bändigte sie mit einer gewissen Strenge und Reife. Sie mied ungehörige Kinderspiele, verachtete die possenhaften Schaustellungen der Gaukler, verschmähte die Ammenmärchen und verschloß keusch die Ohren vor allen anzüglichen Liedern, …“ (Berschin, Walter, Vitae Sanctae Wiboradea. Die ältesten Lebensbeschreibungen der heiligen Wiborada. St.Gallen 1983.) Mein erster Gedanke: „Was für ein unnatürliches Kind! Typisch lustfeindliches Christentum …“ Aber was, wenn ich die Aussage ernst nehme? Bin ich nicht selbst so, dass mir lautes Getue und übermütige Spiele schnell mal zu viel werden? Vielleicht meint bescheiden und fromm und keusch hier, dass Wiborada schon als Kind merkte, was ihr gut tut, und was nicht. Wenn ich das ganz ohne moralischen Unterton lese, wird aus dem unsympathischen Kind ein hochsensibles Mädchen. Da ist eine Spur, die mich ihr näher bringt! Wiborada lernt, mit dem Zuviel an Eindrücken umzugehen. Im Lauf ihres Lebens macht sie ihre hohe Sensibilität zur Stärke, bis hin zur Klarsichtigkeit. Und die kommt in dem Moment so richtig zum Zug, als sie sich in ihrer Klause ihren eigenen Raum absteckt.
Ich lasse mich von meinem eigenen Schreiben überraschen.
Am 6. März steht in meinem Tagebuch: „Endlich habe ich einen Einstieg gefunden! Lustigerweise wieder in einer Höhlensituation, ähnlich wie beim Kind und Fisch. Wiborada und ihre Schwester haben sich eine Hütte gebaut unter dem Tisch. Hier sind sie von Lärm und Licht der Aussenwelt versteckt.“ An diesen Kristallisationspunkt heften sich nach und nach weitere Bilder. Noch habe ich kaum eine Ahnung vom Charakter dieser seltsamen Frau. Ich lasse mich von meinem eigenen Schreiben überraschen.
Zwor isches Tag ond dosse schint d Sonn. Aber di bede Meitle hend sich onderem Tisch e Hütte baut us Lümpe ond Fäll dött ondere hendsesich vechroche. Ide Hütte isches stockdunkel. Die andere Chind sind dosse am spiele. Si goissed ond juchzed ond gigeled ond rueched umenand. Aber i de Hütte onderem Tisch ghördmers chum. D Deggene ond d Fäll verschlucked d Grüsch vo dosse. Me ghörts no ganz fii. So fii, dass nöd wee tot.

Eine Woche in der Klause
Mitte Mai eine Führung von Hildegard Aepli und Judith Thoma zu den Wiborada Plätzen in St. Gallen. Zum Abschluss ein grossartiger Vorschlag von Hildegard: Ob ich nicht für eine Woche in der Wiborada-Klause wohnen möchte, wenn ich an meiner Textfassung arbeite? Keine Sekunde musste ich überlegen. Und ob ich das möchte!



Am 8. Juli 24 ziehe ich ein. Schwer bepackt mit allem, was ich an Büchern ins Wägeli brachte, mit Kocher und Computer und einiger Aufregung. Was, wenn ich just in dieser Woche einen Schreibstau habe? Es ist ein heisser Sommertag. Direkt hinter der St. Mangenkirche wird gebaut. Ein ohrenbetäubender Lärm. „Das kann ja heiter werden! Wie soll ich schreiben, bei diesem Krach?“ ist mein Gedanke beim Ankommen. Und als ich die Klause öffne ein zweiter downer: Eisigkalt ist es drinnen, denn es dringt tatsächlich kein Sonnenstrahl zu ihr durch. Also Fenster auf, um etwas Wärme einzulassen. Faserpelz an, das Fell auf den Stuhl und die seidenleichte Filzdecke von Regula um die Schultern.
Das war wie ein Schlupfloch in die Erfahrungswelt von Wiborada hinein.
Kaum habe ich den Computer unter den Händen, sind Kälte und Lärm verschwunden. Das heisst, sie sind noch da, und ich nehme sie auch wahr, aber es ist nichts Quälendes mehr dabei. Das war der entscheidende Moment. Mir war mit einem Mal ganz und gar klar, was der Wert der Klause ist. Ein geschützter Raum, der draussen hält was nach draussen gehört und doch den Bezug zur Aussenwelt zulässt. Das war wie ein Schlupfloch in die Erfahrungswelt von Wiborada hinein. Und je länger je mehr bin ich innerlich an Wiborada rangewachsen. Spannenderweise bin ich genau in dem Moment ganz bei ihr angekommen, als ich schreibend hinter ihr die Klause verschloss. Es war so gut zu fühlen, dass sie jetzt dort ist, wo sind hingehört. Dass es genau richtig ist für sie. Endlich kann sie sich schützen vor der Welt, die ihr eigentlich zu viel ist. Und doch bleibt sie völlig weltbezogen. Aber sie kann den Vorhang ziehen, wann immer sie für sich sein will.
Ich habe Freude bekommen an ein paar Kleinigkeiten in der Legende – die Szene mit dem Hahn! – und ein paar meiner Einfälle – der Ueli! – und auch an der Stadt. Täglich ein Bad im Manneweiher. Täglich einmal durchs Klosterviertel und innerlich all die Häuser ausblenden, bis da nur noch Hütten sind und eine immens grosse Kirche.



Andere Tagebucheinträge:
Neueste Beiträge
Moni Egger * info(ät)matmoni.ch * 079 234 98 50 * 8800 Thalwil
Fotos: Katja Wißmiller
Website: Moni und Margrit Egger
